CIRET GmbH: Integration durch Arbeit

Kurzbeschreibung des Projekts

Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Werkstatt für Menschen mit Behinderung St. Gallus-Hilfe gGmbH und dem Malerwerkzeug-Hersteller CIRET GmbH wird es 72 Menschen mit Behinderungen ermöglicht, einem möglichst „normalen“ Berufsalltag nachzugehen. Die neu errichtete Werkstatt für Menschen mit Behinderungen befindet sich in direkter räumlicher Nähe der CIRET GmbH und ist vollständig in die Abläufe der Firma integriert.

Das Problem

Mangelnde Integration behinderter Menschen ins Berufsleben
Menschen mit Behinderung sind noch nicht vollkommen in unsere Gesellschaft integriert. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung und des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg aus dem Jahr 2003 geben nur sechs Prozent der Menschen mit Behinderung an, dass sie sich im öffentlichen Leben gleichberechtigt behandelt fühlen. Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen müssen immer noch mit vielen gesellschaftlichen Einschränkungen leben, die fast alle Lebensbereiche betreffen: Berufsausübung, Zugang zu Gebäuden und zu öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Teilnahme am sozialen Leben. Auf dem Arbeitsmarkt ist nach dem Schwerbehindertengesetz vorgeschrieben, dass Unternehmen ab 20 Beschäftigten sechs Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten besetzen müssen. Jedoch erfüllt nur jeder achte Arbeitgeber diese Quote; alle übrigen gehen den Ausgleichsweg einer monatlichen Abgabe an den Staat. Folglich
finden zu wenige Menschen mit Behinderungen eine passende Arbeitsstelle.

Das Unternehmen

CIRET GmbH
1957 wurde das Unternehmen in Wangen gegründet und im Jahre 1990 von der Unternehmerfamilie Sauer übernommen. 2001 wurde es zusammen mit anderen Unternehmen unter das Dach der CIRET HOLDINGS AG gestellt. Sie bietet ihren Kunden aus Europa und Asien ein Vollsortiment an Malerwerkzeug, sowohl für den professionellen Handwerks- als auch für den Baumarktsektor. Der Vorstandsvorsitz liegt bei Helmut Sauer. Produziert wird in Wangen im Allgäu sowie an Standorten in Tschechien und China. Die Konzernzentrale ist in Wangen angesiedelt. Insgesamt beschäftigt die CIRET HOLDINGS AG 800 Mitarbeiter, davon 180 am Wangener Standort. Die Geschäftsführung der CIRET GmbH in Wangen liegt bei Thomas Pfeiffer, Helmut Sauer und Frank Scharr.

Motivation
Die CIRET GmbH als traditionelles Familienunternehmen fühlt sich in ihrem Handeln Werten wie Verantwortung, Redlichkeit, Dynamik und Erfolgsstreben verpflichtet. Aufgrund der tiefen Verwurzelung des Unternehmens in der Region Wangen und der großen Erfahrung der Belegschaft in der Produktion von Malerwerkzeugen steht es für das Unternehmen außer Frage, die technisch anspruchsvollsten Teile der Produktion und die Verpackung
in Deutschland zu belassen.

1. Phase: Das Problem erkennen

Menschen mit Behinderung und Unternehmen
Viele große Baumärkte bieten heutzutage ihre Produkte unter eigenen Handelsmarken an. Dazu benötigen sie von einem Hersteller wie CIRET jeweils eigene Verpackungen und Aufmachungen der Produkte. Gerade bei preissensitiven, hochautomatisiert hergestellten Produkten übersteigen die Kosten einer wechselnden und individuellen Verpackung den Herstellungspreis jedoch schnell um ein Vielfaches. Eine Verlagerung dieser Verpackungsschritte ins Ausland birgt wiederum die Gefahr in sich, dass auch weitere Produktionsschritte und damit Arbeitsplätze abwandern. Da das Unternehmen wichtige Teile der Produktion in Deutschland halten will, ist es auf eine Zusammenarbeit mit der St. Gallus-Hilfe, einer Tochtergesellschaft der Stiftung Liebenau, angewiesen und beauftragt sie seit vielen Jahren mit der arbeits- und kostenintensiven Verpackung ihres Malerwerkzeugs. Die St. Gallus-Hilfe hat es sich zur Aufgabe gemacht, speziell Menschen mit geistigen Behinderungen und Benachteiligungen die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen.

In der Geschäftsbeziehung zwischen CIRET und der St. Gallus-Hilfe herrscht allerdings seit Jahren auf beiden Seiten eine grundsätzliche Unzufriedenheit. So stellen die logistischen und administrativen Barrieren zwischen den Betrieben beide vor das Problem, dass die Verpackungsschritte nur unzureichend in den Geschäftsprozess des Unternehmens integriert werden können – ein Problem, das die meisten Geschäftsbeziehungen zwischen Werkstätten für Menschen mit Behinderung und der Industrie belastet. Dies führt beiderseits zu Planungsunsicherheit und aufseiten der Werkstätten zu einer unbeständigen Auftragslage – mal kommt zu viel Arbeit, mal zu wenig, mal gar keine. Der Leiter des Bereiches Arbeit und Bildung der St. Gallus-Hilfe, Stefan Fricker, bemängelt darüber hinaus, dass die Werkstätten für Menschen mit Behinderung statt als Geschäftspartner von den meisten Unternehmen eher als Bittsteller angesehen werden, denen alle Konditionen (und damit auch die Preise) diktiert werden können. Als Folge dieser Rahmenbedingungen wirtschaftet und lebt die Werkstatt „von der Hand in den Mund“. Stefan Fricker stellt sich die Frage, ob es nicht möglich wäre, mit einem Unternehmen verlässlicher zusammenzuarbeiten. Optimal wäre, wenn man direkt in einem Gewerbegebiet und damit nah an dem Partnerunternehmen eine professionelle Werkstatt errichtet. So wendet sich Stefan Fricker – aufgrund der potenziell großen Auftragsmengen von CIRET – im Oktober 2005 an Thomas Pfeiffer, um ihm seine Idee vorzuschlagen.

2. Phase: Eine Stategie entwickeln

Gemeinsame Wertschöpfung und gegenseitige
Wertschätzung
Thomas Pfeiffer ist von dem „visionären Ansatz“ sofort angetan. Er erkennt, dass in einer „Neu-Definition der Partnerschaft zwischen einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und der Industrie“ viel wirtschaftliches Potenzial steckt. Folglich sieht er alle künftigen Bemühungen auch nicht als soziales Projekt der CIRET an, sondern vielmehr als ökonomische „Win-win-Situation“: Pfeiffer und Fricker setzen sich das Ziel, von nun an gemeinsam und partnerschaftlich die Wertschöpfungskette effizient zu gestalten. Ein vierjähriger Kooperationsvertrag verpflichtet die Firma, alle Verpackungstätigkeiten, die an externe Dienstleister vergeben werden, an die St. Gallus-Hilfe zu geben. Um diese Tätigkeiten gut und zügig ausführen zu können, kauft die Stiftung Liebenau ein freies Gelände direkt neben CIRET. Darauf will sie eine moderne Werkstatt und eine Großlagerhalle bauen. Die St. Gallus-Hilfe wird das Gebäude dann anmieten. Alle Arbeiten der St. Gallus-Hilfe in den neuen Räumlichkeiten sollen voll in die Abläufe von CIRET integriert werden. Dem wirtschaftlichen Risiko, das die St. Gallus-Hilfe mit den Ausgaben eingeht, steht die Rolle und Funktion der CIRET als „Steigbügelhalter“ gegenüber: Durch die zugesicherte konstante Zusammenarbeit ist es der St. Gallus-Hilfe möglich, sich neu auszurichten und ein hohes Niveau als Dienstleister zu erlangen. So soll sie auch für andere Unternehmen interessanter werden und sich langfristig als „normaler“ Anbieter von Dienstleistungen auf dem Markt halten können. Normalität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Werkstatt nicht mehr nur ad hoc reagieren, sondern mit zeitlichem Vorlauf Arbeitsaufträge entgegennehmen kann, um dann intern die Bearbeitung dieser Aufträge effizient zu organisieren.

3. Phase: Das Projekt auf den Weg bringen

Eine geschäftliche Partnerschaft auf Augenhöhe eingehen
Noch 2005 beginnen die Planungen für die Arbeits- und Lagerhallen. Hier ist das Wissen der CIRET stark gefragt, um zu gewährleisten, dass die Hallen nach industriellem Standard errichtet werden. Denn für die St. Gallus-Hilfe ist klar: „Wenn wir neu bauen, dann bauen wir keine übliche Werkstatt für Menschen mit Behinderung, sondern so, wie die Industrie bauen würde.“ Die St. Gallus-Hilfe nimmt im Februar 2007 mit 72 behinderten Menschen den Betrieb auf. Sie ist nun ein voll integrierter Produktionsteil der CIRET und in alle logistischen Abläufe und alle EDVSysteme eingebunden. Ein ehemaliger Gruppenleiter der St. Gallus-Hilfe wird von CIRET trainiert und übernimmt die Funktion eines Arbeitsvorbereiters, der zentral alle Aufträge steuert und organisiert. Ohne die vorher bestehenden räumlichen, administrativen und logistischen Barrieren kann jetzt ein permanenter Materialaustausch stattfinden, der eine hohe Geschwindigkeit der Zusammenarbeit ermöglicht.

Die Transaktionskosten dieser Kooperation, also alle Geschäftsabwicklungskosten – wie beispielsweise Transport und Rücktransport der Materialen – liegen fast bei null. Besonders schätzt Stefan Fricker, dass die St. Gallus-Hilfe in dieser Kooperation als ebenbürtiger Partner ernst genommen wird. Es wird von ihm, wie von jedem anderen Dienstleister auch, erwartet, dass er gegen eine angemessene Bezahlung pünktlich gute Arbeit erbringt: „Das ist genau der Punkt, zu dem wir kommen möchten: Normalität in der Geschäftsbeziehung.“ St. Gallus-Hilfe: „Das hätten wir viel früher machen sollen!“ Diese Normalität spüren auch die Menschen mit Behinderungen in der neuen Werkstatt. Vor dem Umzug überkommen Stefan Fricker immer wieder Zweifel, wie die Menschen mit Behinderung diesen Wechsel aufnehmen werden. Statt in einer geschützten Atmosphäre, mit Wohnräumen, Arbeitsgruppen und Kantine unter einem Dach, sollen sie nun im abseits gelegenen Gewerbegebiet arbeiten. Er ist sich nicht sicher, ob beispielsweise die Herausforderung, jeden Morgen pünktlich den Bus zu nehmen, von allen gemeistert wird. Doch zu seiner Überraschung „ist jeden Tag die volle Mannschaft im Bus“. Er stellt fest, dass die Menschen mit Behinderung nicht nur an den Aufgaben wachsen und zuverlässig und eigenverantwortlich jeden Morgen bei der Arbeit erscheinen, sondern auch ein ganz neues Bewusstsein entwickeln. Die Tatsache, dass sie jetzt wie nicht behinderte Menschen zur Arbeit fahren und mit einem normalen Unternehmen in einem Industriegebiet zusammenarbeiten, gibt den Menschen mit Behinderung zum ersten Mal das Gefühl, etwas zu leisten, das einen Wert hat. Sie fühlen sich hier ernst genommen.

Wie im normalen Geschäftsalltag gehören zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe die Verhandlungen über die Preise. So gibt es auch in dieser Kooperation immer wieder Konfliktpotenzial und Verhandlungsbedarf. Entscheidend ist jedoch, dass sich Respekt und Vertrauen zwischen den Geschäftspartnern entwickeln. Ein Ausdruck dafür sind die sogenannten „Open-book-Gespräche“, in denen sowohl Thomas Pfeiffer als auch Stefan Fricker ihre Kalkulationen offenlegen und zusammen nach Einsparpotenzial oder weiteren Synergien suchen. Thomas Pfeiffer stellt dazu beeindruckt fest: „Noch wertvoller als die Idee ist die Art, wie wir als Partner miteinander umgehen. Das ist eigentlich das höchste Gut in dieser Zusammenarbeit.“

4. Phase: Den nächsten Schritt gehen

Normalität im Umgang zwischen behinderten und nicht
behinderten Menschen

Aufgrund dieser erfreulichen Fortschritte auf allen Ebenen können sowohl CIRET als auch die St. Gallus-Hilfe nach über 18 Monaten intensiver Zusammenarbeit eine positive Geschäftsentwicklung vorweisen. Die erhoffte „Win-win-Situation“ hat sich eingestellt. Neben dem offenen geschäftlichen Umgang miteinander haben beide Partner das Ziel, einen positiven, alltäglichen Umgang zwischen Menschen mit Behinderung und nicht behinderten Menschen zu erreichen. So freut sich Thomas Pfeiffer, dass Menschen mit Behinderungen inzwischen zum normalen Arbeitsalltag des Industriegebiets gehören: Man wartet gemeinsam auf den Bus und geht zusammen zum Mittagessen in die Kantine der St. Gallus-Hilfe. Diese ist offen für alle Arbeiter und Angestellten des Gewerbegebiets. Pro Tag kommen zwischen 25 und 35 CIRET-Mitarbeiter und Mitarbeiter anderer Unternehmen des Gewerbegebietes zum Mittagessen in die Werkstätten für Menschen mit Behinderung und suchen das Gespräch mit ihren neuen Nachbarn. Durch die Eigenständigkeit in der Planung und Steuerung der Aufträge kann die St. Gallus-Hilfe inzwischen sogar andere Werkstätten im Verbund als Subunternehmer beschäftigen: Noch einmal das gleiche Auftragsvolumen, das die St. Gallus-Hilfe bearbeitet, wird von anderen unabhängigen Behindertenwerkstätten im Umkreis erledigt. „Unsere Aufgabe, Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen, können wir jetzt erst voll und ganz erfüllen“, stellt Fricker hochzufrieden fest.

CIRET GmbH
Branche: Bau- und Heimwerkerbedarf
Kerngeschäft: Malerwerkzeuge
Geschäftsführung: Thomas Pfeiffer
Mitarbeiterzahl: 180
Umsatz: 30 Mio. Euro

Kontakt
CIRET GmbH
Thomas Pfeiffer
Karl-Maybach-Str. 18
88239 Wangen
Telefon: 07520/95670
E-Mail: info (at) ciret (dot) biz
Internet: www.ciret.biz
Weitere Infos: www.st.gallus-hilfe.de