Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gGmbH: Das „Zukunftslabor“ – Philharmonie macht Schule

Kurzbeschreibung des Projekts

Integrationsarbeit durch Musik, das ist das Motto der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die laut BBC zu den weltweit führenden Orchestern gehört, und der Gesamtschule Bremen-Ost. Durch die Verlagerung der Probe- und Veranstaltungsräume des Orchesters in die Schule werden nicht nur viele Menschen in den Osten der Stadt gelockt, sondern auch hochklassige Musikprojekte mit den Schülern im neu geschaffenen „Zukunftslabor“ ermöglicht.

Das Problem

Soziale Grenzen innerhalb der Stadt
Innerhalb einer Stadt entstehen meist ganz verschiedene Stadtviertel, die sich bezüglich der sozialen Struktur ihrer Bewohner unterscheiden. Problematisch wird diese Entwicklung, wenn die Unterschiede zwischen den Vierteln zu groß werden und kein Austausch stattfindet. Wenn beispielsweise alle, die es sich leisten können, aus Platten- und Hochhaussiedlungen ausziehen, haben die restlichen Bewohner nicht nur das Gefühl „zurückzubleiben“, sondern auch tatsächlich das Problem, selber wegziehen zu wollen und dies nicht zu können. Die Folge kann eine gefühlte Kluft zwischen den unterschiedlichen Stadtteilen sein. Das trifft vor allem Kinder und Jugendliche, denen sich hier keine Perspektiven bieten. Sie wachsen innerhalb des eigenen, abgeschotteten Stadtviertels auf, das ihnen weder das Rüstzeug noch die Motivation vermittelt, dass sie ihr Leben und ihre Zukunft selbst in der Hand haben.

Das Unternehmen

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gGmbH
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gGmbH ist ein Kulturunternehmen: Es vereint Kultur und Unternehmertum äußerst erfolgreich unter einem Dach. Im Jahr 1980 von 20 jungen Musikern – zumeist Preisträgern von „Jugend musiziert“ – als privates Orchester gegründet, sticht es von Anfang an aus der deutschen Orchesterlandschaft heraus, die sich vorwiegend über staatliche Förderung finanziert. Die jungen Gründer wollen eigenverantwortlich und vor allem mit viel künstlerischer Freiheit ihre Begeisterung und Leidenschaft für die Musik ausleben. In den vergangenen Jahren haben sie sich den Ruf als eines der weltweit besten Orchester erarbeitet.

Trotz kontinuierlicher musikalischer Erfolge treten jedoch immer wieder finanzielle Schwierigkeiten auf. Ein neues Geschäftsmodell ist 1998 die Konsequenz: Das Orchester wird zu einer gGmbH mit dem früheren Kontrabassisten Albert Schmitt als Geschäftsführer. 35 Musiker, die gemeinsam eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts bilden, sind nun alleinige Gesellschafter der gGmbH und haften damit vollständig für deren Ergebnisse. Die Finanzierung liegt mit 60 Prozent zum größten Teil bei der Kammerphilharmonie selbst, nur 40 Prozent der Mittel kommen von der öffentlichen Hand. Das Konzept geht auf: Das Orchester ist schuldenfrei. Angesichts leerer staatlicher Kassen sind dies die Gründe, weshalb immer mehr traditionelle Orchester Interesse am Bremer Modell zeigen. Somit hat die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gGmbH nicht nur musikalisch bewiesen, dass sie neue Wege erfolgreich beschreiten kann; auch eine positive wirtschaftliche Entwicklung ist zu verzeichnen.

Motivation
Das Credo der absoluten Freiheit wird von den Musikern bereits von Beginn an in Verbindung mit sozialem Engagement verstanden. So nutzen sie seit mehr als 25 Jahren ihre Erfahrungen im Bereich der Musikvermittlung und haben einige beispielhafte Projekte zur musikalischen Förderung von Kindern und Jugendlichen entwickelt. Für Erwachsene bieten die Musiker beispielsweise Konzerteinführungen an oder veranstalten musikalische Projektwochen mit Schulklassen kooperierender Schulen.

1. Phase: Das Problem erkennen

Klassische Musik im sozialen Brennpunkt – geht das?
Als die Kammerphilharmonie 2006 neue Probe- und Veranstaltungsräume benötigt, stößt sie zufällig auf die Aula der Gesamtschule Bremen-Ost im Stadtteil Osterholz-Tenever. Aufgrund von Sparmaßnahmen sucht die Schule nach einem Mieter für ihre Aula. Die Kammermusiker stehen einem Umzug skeptisch gegenüber: Äußerungen wie: „Was sollen wir hier?“, sind erste Reaktionen auf diesen Vorschlag. Eine genaue Untersuchung der Aula erweist jedoch eine erstklassige Akustik. Das gibt den Ausschlag für den Umzug. An zweiter Stelle steht die Frage, wie das Orchester mit seinem neuen Umfeld umgehen soll. „Die Frage war: Sehen wir es als Problem oder als Chance?“, berichtet Albert Schmitt. Trotz anfänglicher Bedenken kommen die Musiker rasch zu dem Ergebnis, dass sie ihre neue Umgebung als Herausforderung annehmen wollen, in der sie kreativ neue Wege beschreiten können. Die Autobahnbrücke als „Amazonas“ Die integrierte Gesamtschule Ost mit Ganztagesbetrieb für 1.000 Schüler liegt im Stadtteil Osterholz-Tenever, dessen Bewohner aus 88 verschiedenen Nationen stammen. Mehr als 60 Prozent der Einwohner des Stadtteils leben von staatlichen Zuwendungen. In direkter Nachbarschaft befindet sich das Viertel Oberneuland, das sich seit jeher mit seinen historischen Parkanlagen und der ansprechenden Bebauung unter gut situierten Bremern großer Beliebtheit erfreut. Die Zufahrtsstraße, die beide Stadtteile verbindet, führt unter einer Autobahnbrücke hindurch, die von den Bewohnern beider Viertel als mentale „Grenze“ wahrgenommen wird. Sie scheint als Symbol der Trennung beider Stadtteile in den Köpfen so präsent, dass sie von Schulleiter Franz Jentschke sogar als „Amazonas“ zwischen Osterholz-Tenever und Oberneuland bezeichnet wird.

2. Phase: Eine Strategie entwickeln

Kultur als „Entwicklungsmotor“ – für den Stadtteil und den Einzelnen
Professionalität zeichnet die Musiker in allen Projekten aus, die sie angehen. Dazu gehört in diesem Fall ein bewusster Umzugs- und Einzugsprozess, der sensibel die Reaktionen und Erwartungen der Schule und ihrer Umgebung aufnimmt. Anstatt überhöhte Hoffnungen zu wecken, dass beispielsweise mit dem Zuzug des renommierten Orchesters sich das Stadtviertel von heute auf morgen wandelt, versuchen die Musiker, die Erwartungen der Menschen in einem realistischen Rahmen zu halten. Ihr Bestreben sind umsetzbare und nachhaltige Projekte und Ergebnisse. Schulleiter Franz Jentschke und die Lehrer der Schule empfangen das Orchester mit offenen Armen. Auch sie wollen die Chancen dieser „Wohngemeinschaft“ nutzen und sind von einer engen Kooperation zwischen Schule und Orchester sofort begeistert.

Ziel der Zusammenarbeit ist es, die Grenzen vor allem in den Köpfen zu überwinden – zwischen den Stadtteilen und zwischen dem Orchester und den Schülern. Diese Grenzenlosigkeit soll von allen neu erfahren und gelebt werden: Die zentrale Lage der Probe- und Veranstaltungsräume mitten in der Schule ist dafür ideal. Einerseits wird der Saal für die öffentlichen Kammerkonzerte des Orchesters genutzt und führt so Menschen in den Stadtteil, die ihn sonst nie betreten hätten. Andererseits ermöglicht er einen alltäglichen und intensiven Austausch zwischen Schülern und Musikern über musikalische und kulturelle Grenzen hinweg.

3. Phase: Das Projekt auf den Weg bringen

Das Zukunftslabor: „Hier entsteht ein Stück Zukunft!“
Das „Zukunftslabor“ mitten in der Schule besteht aus dem lichtdurchfluteten Veranstaltungssaal, modernen Proberäumen und einem hochklassigen Tonstudio. Es soll und kann den Rahmen für Begegnungen von Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen bieten. Alle Räumlichkeiten wurden im Zuge der Komplettrenovierung der Schule 2007 nach den Bedürfnissen der Kammerphilharmonie gestaltet. So kann sich seitdem nicht nur das „Zukunftslabor“, sondern auch die gesamte Schule sehen lassen, deren Umbau Schulleiter Jentschke mit den Prinzipien „viel Luft, Licht und Sonne“ beschreibt.

Den Amazonas überwinden
Das Zusammenführen unterschiedlicher Menschen und Stadtteile wird durch die regelmäßig stattfindenden Kammerkonzerte verwirklicht. Zu diesen pilgert die Bremer Musikgemeinde nun in den Osten der Stadt, auch das Publikum aus Oberneuland. Darüber hinaus wird bei allen Konzerten ein gewisses Kontingent an Karten zum Sondertarif von unter 10 Euro angeboten, um auch allen Bürgern
aus Osterholz-Tenever den Besuch zu ermöglichen. Für interessierte Familien, die sich selbst das nicht leisten können, erhält der Quartiersmanager von Osterholz-Tenever, Joachim Barloschky, Freikarten, die er gezielt verteilen kann. Auch die gemeinsame Nutzung der Mensa dient dem Ziel der gelebten Grenzenlosigkeit: So essen die Musiker und die (zum Teil weltberühmten) Gast-Dirigenten und -Solisten mittags mit den Schülern in der von der Arbeiterwohlfahrt betriebenen Schulmensa. Auch Seminare zu einem von den Kammerphilharmonikern entwickelten Managementmodell für Top-Führungskräfte zum Thema Hochleistung finden hier statt („5-Sekunden-
Modell“).

Jugendlichen Perspektiven aufzeigen
Neue Perspektiven für die Schüler ergeben sich aus der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Schule und den Musikern. Anfängliche Berührungsängste werden abgebaut, indem die Orchestermusiker in den Musikunterricht gehen, ihre Instrumente vorstellen und die Schüler an den Proben des Orchesters teilnehmen. Als großes und langfristiges Teilprojekt wurde die „Melodie des Lebens“ initiiert. Hier können die Schüler ihre Gedanken und Gefühle zu ihrem zum Teil sehr schwierigen Lebenshintergrund in Form von Texten und Melodien selbst ausdrücken. Gemeinsam mit dem Komponisten und Entertainer Mark Scheibe werden diese lebensnahen Texte mal klassisch, mal rockig oder poppig, jedenfalls ganz nach den Wünschen der Schüler vertont und während eines Konzertes zusammen mit den Philharmonikern aufgeführt. Diese halbjährlichen Konzerte bereiten die Schüler mit Begeisterung vor. Sie erfreuen sich bei Eltern, Schülerschaft und den Lehrern überaus großer Beliebtheit. So stellt beispielsweise Musiklehrerin Imke Howie fest, dass die Musik die Schüler nicht nur motiviert und auf neue Ideen bringt, sondern sie auch von manchen Sorgen, die viele zu Hause haben, ablenkt. Im Zukunftslabor und in der Arbeit mit den Musikern fühlen sich die Schüler ernst genommen. Was das Aufheben von Grenzen zwischen verschiedensten Menschen für einen Stadtteil und dessen Bewohner bedeuten kann, spiegelt sich in einem der Lieder aus „Melodie des Lebens“ wider: „Tenever ist nicht so, wie ihr gedacht habt, so oft, wie ihr darüber gelacht habt: Tenever ist einfach geil – denn es ist unser Style!“

4. Phase: Den nächsten Schritt gehen

„Das Orchester hat hier sein Zuhause gefunden.“
Aufgrund der produktiven Zusammenarbeit sowohl mit der Schulleitung als auch mit den Schülern steht das nächste Projekt bereits in den Startlöchern. Im nächsten Jahr wird „Faust II“ aufgeführt. Hier werden sich die Schüler musikalisch mit Goethes Originaltext auseinandersetzen. Für 2009 ist ebenfalls ein Rahmenprogramm mit Nationenschwerpunkt für die Projekte „Melodie des Lebens“ und „Faust II“ geplant. In Anlehnung an die Herkunftsländer der Schüler soll jährlich ein Land ausgewählt werden (ab Sommer 2009 wird es Russland sein), das als Interpretationsrahmen für alle musikalischen Arbeiten mit den Schülern dienen soll. Das Ziel ist hierbei, die integrative Wirkung auch durch Gäste aus dem Ausland zu vergrößern. Um diese Arbeit für andere Orchester, Kulturinstitutionen und Schulen nutzbar und übertragbar zu machen, werden bei allen Projekten mit Nationenschwerpunkt die Erfahrungen festgehalten und beschrieben. Sowohl die Ausweitung des Projekts „Melodie des Lebens“ auf weitere Schulen als auch auf eine Behinderteneinrichtung sind in Planung. Bei allen geplanten Projekten befindet sich die Kammerphilharmonie momentan noch auf Sponsorensuche. Für den Fall, dass diese erfolglos sein sollte, steht für die Musiker fest, dass sie die Projekte notfalls in reduzierten Versionen aus eigener Tasche zahlen.

Wegen der Anerkennung, die dieser besonderen Wohngemeinschaft entgegengebracht wird, ist eine weitere positive Entwicklung zu verzeichnen: In einem für die Bremer Bildungspolitik ungewöhnlichen Schritt wurde der Gesamtschule aufgrund der hervorragenden Förderung der Schüler inzwischen eine Oberstufe angegliedert. Auch die Politik konnte die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Orchester und Schule nicht von der Hand weisen, wie Bremens Kultursenator Jörg Kastendiek bestätigte: „Die Gesamtschule wird durch diese Kooperation zu einer Kulturschule – mitten im Problemstadtteil.“

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gGmbH
Branche:
Kulturwirtschaft
Kerngeschäft: Konzerte, Tourneen, CD-Produktionen
Geschäftsführung: Albert Schmitt
Mitarbeiterzahl: 48
Umsatz: ca. 5 Mio. Euro

Kontakt
Nicole Centmayer
Kulturhaus Stadtwaage
Langenstr. 13
28195 Bremen
Telefon: 0421/958850

E-Mail: sekretariat (at) kammerphilharmonie (dot) com
Internet: www.kammerphilharmonie.com
Weitere Infos: www.unsereshow.de