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Emsländische Stiftung Beruf und Familie: Tagesbetreuungsstützpunkt
Kurzbeschreibung des Projekts
Seit Herbst 2008 bietet die Emsländische Stiftung Beruf und Familie den Tagesbetreuungsstützpunkt in Papenburg an. Ziel des Projektes ist, den Mitarbeitern der beteiligten Unternehmen aus dem Emsland kurzfristig erfahrene Tagesmütter zur Verfügung zu stellen, falls die Betreuung ihres Kindes anders nicht organisiert werden kann. Die Unternehmen zahlen dafür einen jährlichen Beitrag an die Stiftung und entlasten ihre Mitarbeiter so nachhaltig bei der Betreuung ihrer Kinder.
Das Problem
Fehlende Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder
Familie und Beruf zu vereinbaren ist besonders in den ersten drei Lebensjahren der Kinder, aber auch darüber hinaus ein Balanceakt. Unternehmen können jedoch auf Eltern als Arbeitskräfte nicht verzichten. Gleichzeitig gibt es immer noch zu wenig Betreuungsangebote vor allem für Kinder unter drei Jahren, die eine Berufstätigkeit der Eltern ermöglichen. In Niedersachsen z. B. gibt es nur für 6,9 Prozent der Kleinkinder Plätze in Betreuungseinrichtungen. Bundesweit liegt Niedersachsen damit auf dem vorletzten Platz. Eltern müssen daher die Betreuung ihrer Kinder häufig privat organisieren. Unternehmen bemühen sich verstärkt, die Betreuungssituation für ihre Mitarbeiter zu verbessern, aber gerade kleinen und mittleren Unternehmen fehlen oft die Ressourcen, oder der Bedarf ist für eigene institutionalisierte Lösungen (wie einen Betriebskindergarten) zu gering. Auf dem Bildungsgipfel im Oktober 2008 haben Bund, Länder und Kommunen beschlossen, schrittweise eine Betreuung für 35 Prozent der unter Dreijährigen aufzubauen. Das stellt eine signifikante Steigerung dar, lässt aber immer noch ungefähr zwei Drittel der Kinder unversorgt. Hier sind flexible Lösungen gefragt, die Eltern gerade im ländlichen Raum die Berufstätigkeit ermöglichen. Ansonsten fehlen in Zukunft Fachkräfte für die Wirtschaft in der Region, weil diese dort arbeiten werden, wo es Betreuungseinrichtungen für ihre Kinder gibt.
Das Unternehmen
Emsländische Stiftung Beruf und Familie
Auf der Jahreshauptversammlung des Wirtschaftsverbandes gründen der Landkreis und Wirtschaftsverband Emsland die „Emsländische Stiftung Beruf und Familie“ mit dem Zweck, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Region zu fördern. 41 Unternehmen aus der Region sind Gründungsstifter und stellen ein Startkapital von einer Million Euro zur Verfügung. Im Emsland sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen ansässig, die, anders als
Großbetriebe, nur schwer eigene Maßnahmen zur Förderung von Familie und Beruf umsetzen können. Die Stiftung gibt allen Unternehmen im Emsland die Möglichkeit, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Sie hat das Ziel, Maßnahmen der Unternehmen zu fördern, aber auch selbst Projekte zu initiieren, die die Unternehmen unterstützen. Der Stiftungsvorstand besteht aus fünf Personen, u.a. dem Landrat Herrmann Bröring und dem Vorsitzenden des Wirtschaftsverbands Emsland, Dieter Barlage, sowie weiteren Vertretern der örtlichen Wirtschaft. Der Stiftungsrat mit acht Mitgliedern berät über die Förderanträge und gibt entsprechende Empfehlungen an den Vorstand. Die Stifter werden regelmäßig im Rahmen von Stammtischen, Internetmeldungen und mit dem Magazin der Stiftung über die Entwicklung der Projekte informiert. Seit ihrer Gründung 2006 ist die Stiftung auf über 50 Mitgliedsunternehmen angewachsen. Das Stiftungskapital beträgt heute zwei Millionen Euro.
Motivation
Die Stiftung hat das Ziel, Familienfreundlichkeit als Standortfaktor im Emsland zu etablieren. Dafür unterstützt sie die Unternehmen im Emsland bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So will die Region auch in Zukunft für Fachkräfte attraktiv bleiben.
1. Phase: Das Problem erkennen
Notfälle sind nicht planbar
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine logistische Meisterleistung. Damit eine ausreichende Betreuung der Kinder sichergestellt werden kann, müssen die Arbeitszeiten der Eltern, Öffnungszeiten von Kindergärten, Stundenpläne und vieles mehr aufeinander abgestimmt sein. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen nehmen viel Rücksicht auf ihre Mitarbeiter, doch in Notfällen sind auch sie machtlos. Im Rahmen einer Umfrage berichten Unternehmer der Stiftung, dass immer wieder Mitarbeiter aufgrund von Notsituationen mit den Kindern zu Hause bleiben müssen, weil die Oma krank ist oder die Tagesmutter kurzfristig ausfällt. Oder es ergibt sich eine zeitliche Verschiebung im Betrieb: Termine dauern länger, aber die Betreuung ist nicht flexibel. Den Eltern bleibt dann nichts anderes übrig, als die Betreuung selbst zu übernehmen. Abgabetermine oder Treffen im Unternehmen müssen verschoben werden. Darunter leidet der gesamte Betriebsablauf. In der Emsländischen Familienstiftung soll für dieses spezielle Problem eine Lösung erarbeitet werden, die nachhaltig und kostengünstig die Situation für Eltern, Kinder und Betriebe im Emsland verbessert.
2. Phase: Eine Strategie entwickeln
Projekte fördern und eigene Ideen umsetzen
Schnell wird dem Stiftungsvorstand klar, dass es nicht ausreicht, nur bestehende Konzepte von Unternehmen zu fördern, sondern dass auch Kapazitäten in der Stiftung geschaffen werden müssen, die es erlauben, neue, innovative Projektideen zu verwirklichen. Um die nötige Expertise in die Stiftung zu holen, schafft der Stiftungsvorstand die Stelle eines Unternehmenscoachs und stellt im Herbst 2007 Ursula Günster-Schöning ein. Sie ist eine Expertin auf dem Gebiet „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Über 20 Jahre arbeitete sie in der Elementarpädagogik, auch als Leiterin einer Kindertagesstätte. Darüber hinaus ließ sie sich im Rahmen mehrerer Weiterbildungen zur Sozialfachwirtin ausbilden. Ihre Hauptaufgaben sind die Beratung von Unternehmen bei der Umsetzung eigener Projekte und die Entwicklung von Verbundprojekten für die Stiftung. Ein dringendes Anliegen der Unternehmen ist eine schnelle Lösung für akute Betreuungsprobleme, d. h. wenn kurzfristig die reguläre Betreuung von Kindern ausfällt. Ursula Günster-Schöning überlegt, wer in diesem Fall als Kooperationspartner infrage kommt und wendet sich an Anna Vosskuhl, Leiterin eines der Familienzentren im Emsland. Die Familienzentren Emsland sind seit 2005 an mehreren Standorten in der Region an bestehende Betreuungseinrichtungen für Kinder angedockt worden. Zentrales Element ist jeweils die Kindertagesstätte, an die jedoch weitere Organisationen angegliedert sind, wie Beratungsstellen oder eine Ganztagsbetreuung für ältere Kinder. Ein Baustein der Familienzentren ist die Ausbildung und Vermittlung von Tagesmüttern und -vätern. Ursula Günster-Schöning sieht das Potenzial, das in einer Zusammenarbeit mit den Familienzentren liegt: Dort werden schon Betreuungsdienstleistungen angeboten, die auf berufstätige Eltern abzielen – ein guter Ansatzpunkt für den weiteren Ausbau des Angebots.
Flexible Tagesmütter als Feuerwehr
Der Unternehmenscoach erarbeitet ein Konzept, das die beiden Organisationen miteinander verbindet, und kann Frau Vosskuhl schnell als Kooperationspartner gewinnen. Die Familienzentren verfügen über einen Pool an ausgebildeten Tagesmüttern, die sie momentan direkt an Eltern vermitteln. Sie haben die organisatorischen Ressourcen für die Koordination weiterer Dienstleistungen und verfügen über Räume, in denen die Kinder von Tagesmüttern betreut werden können. Die Stiftung verfügt über den Kontakt zu Unternehmen, die Bedarf an flexiblen Betreuungspersonen haben. Darüber hinaus kann sie Mittel für die Finanzierung des Projekts bereitstellen. Das Konzept von Ursula Günster-Schöning sieht Folgendes vor: Das Familienzentrum wird Standort des Tagesbetreuungsstützpunkts und stellt Tagesmütter fest ein, die bei Bedarf spätestens nach zwei Stunden vor Ort sein können, um die Betreuung des Kindes zu übernehmen. Ein ambitionierter Plan!
Finanziert wird dieser Service durch Unternehmen, die dafür eine jährliche Pauschale in Höhe von 15 Euro pro Mitarbeiter (aber max. 8.000 Euro jährlich) zahlen. Ist das Unternehmen Mitglied der Stiftung, beläuft sich der Betrag auf zehn Euro (max. 6.000 Euro jährlich). Die Stiftung finanziert daraus die Tagesmütter und die Koordination des Familienzentrums bzw. des Stützpunktes. Den Mitarbeitern, die dieses Angebot nutzen, entstehen keine weiteren Kosten. Falls Mitarbeiter mehr als acht Stunden pro Notfall eine Tagesmutter benötigen, müssen sie für jede weitere Stunde acht Euro bezahlen. Das Konzept von Ursula Günster-Schöning überzeugt Stiftungsvorstand und Stiftungsrat. Mit dieser Idee kann auch für kleinere und mittlere Unternehmen die Notfallversorgung sichergestellt werden.
3. Phase: Das Projekt auf den Weg bringen
Unternehmen für die Idee begeistern
Im Oktober 2008 stellt die Stiftung den emsländischen Unternehmen ihr Konzept vor. Landrat Bröring wirbt für das Projekt und stellt besonders den Nutzen für kleine und mittlere Unternehmen heraus. „So wird die Attraktivität des Standorts gerade für Familien mit kleinen Kindern weiter erhöht. Das ist vergleichbar mit Investitionen in die Infrastruktur, wie zum Beispiel den Ausbau der A 31“, führt er aus. Noch während der Informationsveranstaltung signalisieren Unternehmen ihr Interesse an dem Projekt und unterzeichnen wenig später den Kooperationsvertrag mit der Stiftung.
Tagesmütter für den Noteinsatz
Das Familienzentrum St. Michael in Papenburg stellt daraufhin im Auftrag der Stiftung fünf Tagesmütter für die Notfallversorgung ein. Sie erhalten ein monatliches Grundgehalt von 400 Euro, unabhängig davon, ob sie einen Einsatz haben oder nicht. Zusätzlich werden die Fahrtkosten übernommen. Voraussetzung für die Tätigkeit als Tagesmutter ist eine entsprechende Ausbildung zur zertifizierten Tagesmutter, ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Gesundheitscheck und ein Erste-Hilfe-Kurs sowie Teamfähigkeit und Erfahrung im Umgang mit Kindern. Die fünf Tagesmütter sind in verschiedenen Familienzentren der Region stationiert. Edeltraud Neeland, Leiterin des Familienzentrums St. Michael in Papenburg, koordiniert die Frauen bei ihren Einsätzen. Die Notruf-Bereitschaft ist montags bis freitags von sieben Uhr morgens bis 19 Uhr abends besetzt, sodass jederzeit Aufträge entgegengenommen werden können. Je nach Auftrag informiert Edeltraud Neeland die Tagesmutter, die am nächsten am Einsatzort ist, und stellt sicher, dass diese innerhalb von zwei Stunden die Betreuung des Kindes übernimmt.
Kontakt zwischen Eltern, Kind und Tagesmüttern
Haben die Unternehmen eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, müssen auch die Eltern eine Betreuungsvereinbarung mit dem Tagesbetreuungsstützpunkt abschließen. Ohne diesen Vertrag ist die Betreuung der Kinder im Notfall nicht möglich. Die Hauptaufgabe der Unternehmen ist es deshalb, ihre Mitarbeiter über dieses neue Angebot zu informieren. Die Personalabteilung unterrichtet die Mitarbeiter mit Kindern. Sie stellt die Betreuungsvereinbarungen zur Verfügung und erklärt den Mitarbeitern die Funktionsweise des Projekts. Die Eltern können sich auch jetzt schon ein Bild von den Tagesmüttern machen: In jedem Unternehmen hängt ein Foto der zuständigen Tagesmutter. Die Betreuungsvereinbarung regelt im Wesentlichen, wo das Kind betreut werden soll: im Unternehmen, im Familienzentrum oder auch zu Hause, falls das Kind krank ist. Angaben zu Allergien, besondere Vorlieben oder Gewohnheiten werden zusätzlich erfragt, damit sich die Tagesmütter schnell ein umfassendes Bild von den Kindern machen können. Die Verträge berücksichtigen alle rechtlichen Gesichtspunkte, die bei der Betreuung von Kindern durch Tagesmütter beachtet werden müssen. Bevor die Eltern die Tagesmütter das erste Mal in Anspruch nehmen, besteht die Möglichkeit, dass sich Eltern, Kinder und Tagesmütter im Familienzentrum in einem persönlichen Gespräch kennenlernen. Gerade für die Kinder ist dieser erste Kontakt wichtig, damit sie Vertrauen zu der Tagesmutter aufbauen können.
4. Phase: Den nächsten Schritt gehen
„Wenn wir das Projekt hier gut auf die Beine stellen, geht es weiter!“
Bislang wird das Projekt nur im nördlichen Emsland zwischen Papenburg, Dörpen, Lathen, Sögel bis Haselünne umgesetzt. Doch die Stiftung plant, dieses Pilotprojekt auch auf das mittlere und südliche Emsland auszuweiten. Je nach Bedarf werden dann im kommenden Jahr weitere Tagesmütter eingestellt, die als Nothelfer einspringen können.
Stiftung und Unternehmen sind von der Wirksamkeit des Projekts überzeugt. Der Tagesbetreuungsstützpunkt füllt eine Lücke, die den Eltern einen besseren (Wieder-)Einstieg in das Berufsleben ermöglicht – durch das Engagement der Unternehmen. Denn Familienfreundlichkeit ist ein Standortsicherungsfaktor.
Emsländische Stiftung Beruf und Familie
Vorsitzender: Landrat Hermann Bröring
Mitarbeiterzahl: 1
Kapital: 2 Mio. Euro
Kontakt
Ursula Günster-Schöning
Am Kabelkran 7
49716 Meppen
Telefon: 05931/8484366
E-Mail: info (@) familienstiftung-emsland (dot) de
Internet: www.familienstiftung-emsland.de

