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Turkish Round Table Club e. V.: Integration durch Bildung
Kurzbeschreibung des Projekts
Integration durch Bildung. Das ist das erklärte Ziel des Turkish Round Table Club (TRTC) in Heilbronn. Hierfür setzt der Club bereits in der Grundschule an und bietet Förderunterricht für Kinder mit türkischem Migrationshintergrund. Begleitet wird der Unterricht durch die gezielte Aufklärung der Eltern, welchen Beitrag sie als Unterstützer und Förderer der Kinder für den Bildungserfolg leisten können. Zusätzlich fungieren die Mitglieder des Vereins, allesamt türkischstämmige Unternehmer und Akademiker, für türkische Schüler als Vorbilder in Haupt- und Realschulen.
Das Problem
Schlechtere Bildungschancen für türkischstämmige Kinder
In kaum einem anderen Industrieland hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Das trifft vor allem auf Kinder mit Migrationshintergrund zu. Im Vergleich erreichen Kinder und Jugendliche nicht-deutscher Herkunft ein deutlich geringeres Bildungsniveau. Sie sind in allen Schularten unterrepräsentiert, die zu weiterführenden Abschlüssen führen. In Hauptschulen hingegen sind Kinder mit Migrationshintergrund überrepräsentiert. Über 25 Prozent der Hauptschüler haben einen Migrationshintergrund, doch nur acht Prozent der Realschüler und weniger als fünf Prozent der Gymnasiasten. In Heilbronn liegt der Anteil der Grundschüler mit ausländischem Pass bei fast 32 Prozent.
Damit ist Heilbronn die Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil in Baden-Württemberg. Betrachtet man alle Kinder bis 18 Jahre, haben 62 Prozent eine Zuwanderungsgeschichte (inklusive derjenigen, die eingebürgert wurden). Die größte Gruppe stellen hierbei türkischstämmige Kinder dar. Auch in Heilbronn erhalten überdurchschnittlich viele Schüler mit Migrationshintergrund eine Hauptschulempfehlung. Nur wenige haben die Chance, eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen. Dieser negative Trend setzt sich dann bei den Bildungs- und Berufsabschlüssen fort, sodass letztlich Kinder mit Migrationshintergrund einen schlechteren Start ins Berufsleben haben.
Die Unternehmer
Turkish Round Table Club e. V.
Im Herbst 2006 gründen elf türkischstämmige Freunde den Turkish Round Table Club in Heilbronn mit dem Ziel, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Freizeitaktivitäten zu starten. Die elf Freunde sind erfolgreiche Unternehmer oder Akademiker, die vor Jahren in der Region Heilbronn heimisch geworden sind. Schnell erkennen die elf, dass ihnen der Erfahrungsaustausch nicht ausreicht und sie sich gemeinsam engagieren möchten. Sie beschließen, die Türken in Heilbronn bei der Integration in Deutschland zu unterstützen. Nach dem Vorbild von Serviceclubs (wie den Rotariern oder dem Lions Club) möchten sie in ihrer Region aktiv werden. Anfang 2007 etablieren sie offiziell den Turkish Round Table Club. Vier weitere Mitglieder treten dem Verein 2007 bei. Dem Vorstand gehören Dr. Bora Tuncer und Caner Sentürk an.
Motivation
„Verändere, was du ändern musst. Nehme an, was du nicht ändern kannst.“ Dieses Motto nimmt der Turkish Round Table Club als Richtlinie für sein Engagement.
1. Phase: Das Problem erkennen
Schwerer Einstieg ins Berufsleben für Migranten
Alle Mitglieder des Clubs kennen in ihrem Umfeld Jugendliche, die nur schwer einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden. Die meisten Jugendlichen können lediglich einen Hauptschulabschluss vorweisen. Die Mitglieder des Clubs hingegen sind erfolgreiche Geschäftsleute mit akademischer Ausbildung – obwohl sie die gleichen Ausgangsvoraussetzungen hatten. Sie wissen, dass gerade im Raum Heilbronn-Franken ein großer Bedarf an Facharbeitern besteht und genügend Arbeitsplätze in der Region vorhanden sind. Des Weiteren verfügen Migranten über eine Kompetenz, die im Berufsleben zunehmend wichtiger wird: interkulturelles Verständnis. Sie wachsen in zwei Kulturen oftmals bilingual auf und lernen in der Schule noch mindestens eine weitere Fremdsprache. Die Mitglieder des TRTC stellen sich die Frage, warum ihre türkischstämmigen Mitbürger ihr Potenzial nicht ausschöpfen und wo sie ansetzen können, um das zu ändern. Ein Schlüsselfaktor für die erfolgreiche Integration der Türken in Deutschland ist für sie Bildung, und in diesem Bereich werden sie aktiv.
2. Phase: Eine Strategie entwickeln
Die Weichen müssen schon in der Grundschule gestellt werden
Die Mitglieder des TRTC beginnen sich über das Thema Bildung zu informieren. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Zahl derjenigen Türken zu erhöhen, die überhaupt einen Schulabschluss erreichen, und zweitens mehr Kinder mit türkischem Migrationshintergrund zum Realschulabschluss oder Abitur zu führen. Doch wo ist der richtige Ansatzpunkt? Alle Studien weisen in eine Richtung: Je früher mit der Förderung begonnen wird, desto nachhaltiger und wirksamer ist der Effekt. Im deutschen Bildungssystem werden die Weichen für die Bildungskarriere schon früh gestellt. Die Entscheidung, welche weiterführende Schule das Kind besucht, ist grundlegend und wird bereits nach vier Schuljahren getroffen. Damit steht für die Gruppe fest, dass sie in der Grundschule ansetzen müssen.
Ein wichtiges Element für den schulischen Erfolg der Kinder ist die Unterstützung der Eltern. Deshalb konzipieren sie Informationsabende für türkische Eltern, die über das deutsche Bildungssystem informieren und die Wichtigkeit der Schulbildung für den weiteren Lebensweg herausstellen. Für die Kinder selbst erscheint Förderunterricht in der zweiten und dritten Klasse sinnvoll, da die Ergebnisse dieser Schuljahre die Grundlage für die Empfehlung an die weiterführenden Schulen darstellen. Die tragende Säule des TRTCKonzepts ist es, die Informationen und Angebote von Personen aus dem eigenen Kulturkreis an die Eltern zu übermitteln. Das reduziert Berührungsängste und erhöht die Bereitschaft, Vorschläge und Tipps auch anzunehmen. Mit dieser Idee sucht der Club im Frühjahr 2007 den Kontakt zur Stadt Heilbronn und den zuständigen Ämtern. Nach mehreren Gesprächen sichert die Stadt ihre Unterstützung zu, und der TRTC kann die ersten Kindergärten und Grundschulen ansprechen.
3. Phase: Das Projekt auf den Weg bringen
Überzeugungsarbeit bei Eltern und Lehrern
Um Kontakt zu den Grundschulen zu bekommen, gehen die Mitglieder des Clubs an die Öffentlichkeit. Sie stellen ihr Konzept, bestehend aus Elterneinbindung und Förderung der Kinder, in der „Heilbronner Stimme“ vor, der dominierenden Tageszeitung in der Region. Daraufhin meldet sich die Schulsozialarbeiterin Jutta Krüger der Gerhart-Hauptmann-Schule bei TRTC. Sie ist von diesem Club begeistert und an einer Zusammenarbeit interessiert. Schnell findet sich ein Gesprächstermin, bei dem der TRTC den Lehrern sein Konzept näher erläutert. Er ist überzeugt: Der Schlüssel für das Projekt liegt bei der Unterstützung der Lehrer. Diese sind zu Beginn skeptisch, lassen sich aber auf das Experiment ein. Der nächste Schritt ist ein Elternabend für die türkischen Eltern der Jahrgangsstufen 2 und 3. Der Abend wird ein überwältigender Erfolg. Mitglieder des TRTC übersetzen nicht nur, sondern machen den Eltern eindringlich klar, dass die Kinder auch zu Hause ihre Unterstützung und Ermutigung benötigen, wenn sie zuerst in der Schule und später im Beruf erfolgreich sein sollen. Der Gesprächsbedarf der Eltern ist enorm – insgesamt dauert der Abend doppelt so lange wie ursprünglich geplant. Und die Elternabende ziehen weite Kreise: Die Anwesenden geben die erhaltenen Informationen auch an Nachbarn und Bekannte weiter, sodass sich das Wissen schnell verbreitet.
„Ich will Weltraumforscher werden!“
Für den Förderunterricht schlagen die Klassenlehrer geeignete Schüler vor. Wichtigstes Kriterium ist, dass die Schüler das Potenzial haben, mit einer Förderung die Empfehlung für die Realschule oder das Gymnasium erreichen zu können. Die Kinder erhalten wöchentlich bis zu zwei Schulstunden Förderunterricht, vor allem in den Fächern Mathematik und Deutsch, den der TRTC finanziert. Lehrkräfte hierfür werden von der Schule ausgewählt. In Kleingruppen von maximal fünf Kindern findet der Unterricht statt. Er wird so in den Stundenplan der Kinder integriert, dass sie nicht zusätzlich am Nachmittag in die Schule kommen müssen. Die Schüler verstehen, auch wegen der gezielten Ermunterung durch ihre Eltern, wie wichtig der Schritt auf das Gymnasium für sie ist: Wie sollen sie sonst ihren Berufswunsch Weltraumforscher oder Ärztin verwirklichen? Der zusätzliche Unterricht wird von den Kindern nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfunden, gerade wenn sie im Unterricht ihr vertieftes Wissen nutzen können und Erfolgserlebnisse erzielen. Fehlt ein Schüler öfter beim Förderunterricht, spricht der Club die Eltern an und fragt nach den Gründen. Wenn sich herausstellt, dass die Eltern das Kind nicht unterstützen, wird es aus der Gruppe genommen. Förderunterricht alleine reicht nicht aus, denn nur im Zusammenspiel zwischen Schule und Eltern ist ein Erfolg für die Kinder möglich. Evaluation des Projekts ist
Evaluation des Projekts ist Vorausetzung für den Erfolg
Der Club will sich an seinen Ergebnissen messen lassen. Erstes Ziel ist, dass mehr türkische Kinder in der Grundschule eine Empfehlung für die Realschule oder das Gymnasium erreichen. Dafür werden alle drei Monate Evaluationsgespräche zwischen den Klassenlehrern, den Eltern, den Förderlehrern und dem Turkish Round Table Club geführt. Fortschritte der einzelnen Kinder werden besprochen und evtl. Anpassungen bei der Förderung vorgenommen. Für die Bewertung werden die Noten in den Klassenarbeiten und die allgemeine Entwicklung der Kinder betrachtet. Da das Projekt erst seit einem Schuljahr läuft, können die ersten Erfolge beim Übergang erst im kommenden Frühjahr konkret gemessen werden, wenn die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen feststehen. Aber ein Ergebnis gibt es schon: An der Gerhart-Hauptmann-Schule treffen sich Mütter und Lehrer nun regelmäßig zu einem Teeabend, um sich über aktuelle Themen auszutauschen.
4. Phase: Den nächsten Schritt gehen
Übertragung des Konzepts
Dem Turkish Round Table Club war es von Anfang an wichtig, ein übertragbares Konzept zu entwickeln. Damit das Projekt Nachahmer findet, wurden alle Projektunterlagen auf der Internetseite des Clubs veröffentlicht. Die Maßnahmen und Ziele sollen für jedermann transparent und nachvollziehbar sein. So können mehr Menschen von der Idee begeistert werden. Mittlerweile wird der Förderunterricht für 25 Schüler an vier der 19 Grundschulen in Heilbronn angeboten. Der TRTC übernimmt die Kosten von 25 Euro pro Stunde, und die Schulen stellen die Räume zur Verfügung. Das Geld dafür bringt der Club über die Mitgliedsbeiträge und Spenden auf. Dieses hohe finanzielle Engagement ist für alle Mitglieder selbstverständlich, doch müssen für den Ausbau der Förderung noch weitere Geldgeber gefunden werden. 100 Kinder, das ist die Zielmarke für 2009! Dafür wären ca. 1.000 Euro pro Woche nötig. Der TRTC prüft momentan, welche Stiftungen für dieses Projekt Mittel zur Verfügung stellen können oder ob eine Beantragung von Fördermitteln von Land, Bund oder EU sinnvoll sein könnte.
Selbst Vorbild sein
Der Erfolg des Förderunterrichts wird auf dem Arbeitsmarkt erst in einigen Jahren sichtbar sein – doch was ist mit den türkischen Jugendlichen, die sich jetzt für einen Beruf entscheiden müssen? Auch hier hat der TRTC ein Konzept entwickelt. An weiterführenden Schulen in Heilbronn treten die Mitglieder des Vereins als Vorbilder für die Jugendlichen auf. Sie berichten über ihre eigenen Erfahrungen in Schule und Wirtschaft, beschreiben ihren beruflichen Werdegang und zeigen ihnen, dass ihr Migrationshintergrund kein Hindernis ist, sondern im Gegenteil sogar ein Vorteil sein kann. Der „Aha-Effekt“ bei vielen Schülern ist enorm – da steht jemand mit der gleichen Geschichte wie ich, und er ist erfolgreich. Also kann ich das auch! Diese positive Rückmeldung ist ein weiterer Ansporn für den Club. Um auch weibliche Vorbilder für türkische Mädchen zu schaffen, gibt es eine Kooperation mit einem türkischen Frauenverein aus der Region.
Berührungsängste zwischen den Kulturen abbauen
Doch der TRTC beschränkt sich nicht nur auf die eigenen Landsleute. Er möchte auch Spaß an Integration vermitteln und hat deshalb im Oktober 2008 die „1. Türkischen Kulturtage“ in Heilbronn organisiert. Theater und Musik gehören genauso dazu wie Lesungen und Comedy. Türkische Künstler stellen ihre Werke in türkischer und deutscher Sprache vor. Ziel der Veranstaltung ist, dass Türken die Veranstaltungsorte kennenlernen und umgekehrt die anderen Bewohner Heilbronns die Vielfalt der türkischen Kulturszene schätzen lernen. Ganz nebenbei werden Spendengelder eingesammelt, die es dem Verein ermöglichen, für fünf weitere Kinder den Förderunterricht anzubieten. Im nächsten Jahr soll es die Kulturtage auf jeden Fall wieder geben. Sie sind ein Zeichen für den Integrationswillen des TRTC und fördern die Verständigung zwischen den Kulturen in Heilbronn.
„Wir wachsen – planvoll und gezielt“
Der Turkish Round Table Club hat momentan 15 Mitglieder, doch im nächsten Jahr ist ein weiterer Ausbau geplant. Ein umsichtiges und gezieltes Wachstum ist das Ziel des TRTC. Die neuen Mitglieder müssen die Ideen der Gründer teilen. Darüber hinaus spielen das zeitliche und finanzielle Engagement eine bedeutende Rolle; die Projekte müssen für alle eine Herzensangelegenheit sein. Zur Freude aller nimmt die Unterstützung aus der Bevölkerung für das Projekt immer mehr zu, und viele Bürger spenden dem Verein Geld, damit er seine guten Ideen weiter umsetzen kann.
Der Turkish Round Table Club ist ein gutes Beispiel dafür, wie erfolgreiche Integration gestaltet werden kann – von Türken für Türken.
Turkish Round Table Club e. V.
Branche: Serviceclub
Kerngeschäft: Förderung der Integration von Türken in Deutschland
Vorstand: Dr. Bora Tuncer
Mitglieder: 15
Kontakt
Dr. Bora Tuncer
Heilbronn
Telefon: 0171/2026428
E-Mail: tuncer (at) zahnarzt-tuncer (dot) de
Internet: www.trtc.eu

