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Wall AG: rechenfix & wortgewandt
Kurzbeschreibung des Projekts
Das Förderprojekt der Wall AG „rechenfix & wortgewandt“ richtet sich an Schüler mit Migrationshintergrund, die ein hohes Leistungspotenzial haben. Durch den Förderunterricht werden besonders die Lese-, Rechen- und Rechtschreibfähigkeiten der Schüler an der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzberg verbessert. Die „rechenfix-Kinder“ werden zu Vorbildern für ihre Mitschüler, an die sie die Botschaft übermitteln: Lernen ist cool. Zusätzlich erhalten die Kinder durch Besuche bei der Wall AG einen Einblick in das Berufsleben und lernen bei gemeinsamen Ausflügen die Welt außerhalb ihres Kiezes kennen.
Das Problem
Geringe Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund
Nicht zuletzt seit der Veröffentlichung internationaler Vergleichsstudien wie PISA steht das deutsche Bildungssystem in der Kritik. Die Studien belegen das schlechte Abschneiden deutscher Schüler in der Mathematik, den Naturwissenschaften und im Bereich Lesen. Darüber hinaus weisen sie einen starken Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft in Deutschland nach. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund weisen geringere Leistungen auf. In Berlin-Kreuzberg haben fast ein Drittel der rund 160.000 Bewohner einen Migrationshintergrund. Die Kinder gehen hier zwar zur Schule, doch das deutsche Bildungssystem ist für die Eltern oftmals unverständlich. So können viele Eltern ihre Kinder nicht unterstützen oder unterschätzen vielfach die Bedeutung von Bildung für ein erfolgreiches (Berufs-)Leben in Deutschland. Den Kindern fehlt es an erfolgreichen Vorbildern in ihrem Umfeld, an denen sie sich orientieren können, um zu lernen, wie wichtig Bildung und Ausbildung für ihre Zukunft sind.
Das Unternehmen
Wall AG
Im Jahr 1976 gründet Hans Wall die Wall Verkehrsanlagen GmbH in Ettlingen, doch bereits 1984 verlegt der Stadtmöblierer seinen Firmensitz nach Berlin. 1999 wird dort die Wall AG gegründet. Im Januar 2007 übernimmt Daniel Wall den Vorstandsvorsitz von Hans Wall, der die Wall AG als Aufsichtsratsvorsitzender weiter begleitet. Heute gehört das Unternehmen zu den international tätigen Firmen für Stadtmöblierung und Außenwerbung. Alle Werbeträger werden im eigenen Produktionswerk für Stadtmöblierungsprodukte in Velten (Brandenburg) produziert. Das Unternehmen vermarktet weltweit sogenannte City Light Posters (CLP), unter anderem in Sofia, Istanbul, Boston und Berlin. Von Beginn an ist Hans Wall sozial engagiert, besonders in Berlin und Umgebung. So sponsert die Wall AG seit einigen Jahren den Betrieb von 79 Brunnenanlagen in Berlin und entwirft und finanziert die Weihnachtsbeleuchtung am Kurfürstendamm. Zusätzlich werden zahlreiche kulturelle Einrichtungen unterstützt und Plakat-Freiflächen für Stiftungen, Theater oder kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung gestellt.
Motivation
Als familiengeführtes Unternehmen ist es für die Wall AG selbstverständlich, sich für die Menschen in ihrer Umgebung einzusetzen. Für die Familie Wall ist es vor allem wichtig, sich im Bildungsbereich zu engagieren.
1. Phase: Das Problem erkennen
Kinder mit Migrationshintergrund scheitern im deutschen Bildungssystem
Im Jahr 2005 fallen Hans Wall die vielen Berichte über die Perspektivlosigkeit von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland auf. Ausgelöst durch die Krawalle von arbeitslosen Jugendlichen in den Pariser Vorstädten, stellt er sich die Frage, ob Berlin ein ähnliches Szenario drohen könnte. Gleichzeitig erreicht ihn aus der Personalabteilung die Meldung, dass die Qualität der Bewerbungen stark nachgelassen habe. Viele Bewerber verfügen nicht über ausreichende Deutschkenntnisse oder sind mit den Grundrechenarten nicht vertraut. Für Wall besteht hier ein klarer Zusammenhang: Geringe Bildung erzeugt Perspektivlosigkeit, die die Gewaltbereitschaft ansteigen lässt! Er entschließt sich, etwas dagegen zu unternehmen. Als Mitglied der Wissensfabrik e. V. setzt sich die Wall AG intensiv mit der Bildungsverantwortung von Unternehmen auseinander. Ein Instrument für die Mitglieder der Wissensfabrik e. V. ist eine Schulpatenschaft, die auch Hans Wall als Grundlage für sein Engagement wählt.
2. Phase: Eine Strategie entwickeln
Kinder für Bildung begeistern
Auf der Suche nach einer passenden Patenschule wendet sich die Wall AG im Frühjahr 2005 an das Referat Soziale Stadt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Berlin. Die Mitarbeiter dort haben einen guten Überblick über die Situation in den einzelnen Stadtvierteln und nennen dem Unternehmen fünf Berliner Grundschulen, die für die Idee des Vorstandsvorsitzenden infrage kommen. Für Hans Wall ist wichtig, dass möglichst viele Kinder mit Migrationshintergrund die Schule besuchen und dass die Schulleitung Interesse an einer engen Zusammenarbeit mit seinem Unternehmen hat.
Nach einigen Vorgesprächen steht die Jens-Nydahl-Schule als Partner fest. Die damalige Rektorin Frau Seidel ist in der Stadt für ihr Engagement bekannt und steht einer Kooperation mit der Wall AG aufgeschlossen gegenüber.
Elitenförderung oder Förderung schwacher Schüler?
Zuerst klären die Schule und Hans Wall eine grundsätzliche Frage: Welche Schüler sollen gefördert werden? Die Jens-Nydahl-Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Kreuzberg. Ungefähr 98 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Mehr als 80 Prozent der Familien sind von staatlichen Transferleistungen abhängig. Viele Bewohner des Stadtteils haben noch nie den Kiez verlassen: Sie kennen weder das Brandenburger Tor, noch wissen sie, dass es sich um ein Wahrzeichen Berlins handelt. Vielen Schülern fehlt die Unterstützung der Eltern, die sich nicht für die Ausbildung ihrer Kinder interessieren. Teilweise gehen die Kinder als Einzige morgens aus dem Haus.
In diesem Umfeld entschließen sich die Projektpartner, starke Schüler zu fördern, um Vorbilder für Bildung zu schaffen. Denn oftmals erhalten leistungsstarke Kinder aus ihrer Umgebung kaum Anreize zum Lernen. Damit sie ein echtes Interesse an Bildung entwickeln, ist ihre Förderung wichtig und sinnvoll. Sie sollen ihre Fähigkeiten weiter ausbauen und gute Beispiele für ihre Klassenkameraden und Geschwister sein. Mathematik und Deutsch werden als Schwerpunkte gewählt: Mathematik fördert das logische Denken, und bessere Deutschkenntnisse sind für die Schulkarriere und den weiteren Lebensweg unerlässlich. Ein Ziel des Projekts ist es, den Kindern den Weg zu weiterführenden Schulen zu eröffnen.
Ein Kooperationsvertrag verpflichtet beide Projektpartner
Grundlage der Zusammenarbeit ist der Kooperationsvertrag zwischen der Schule und der Wall AG, der für das Schuljahr 2005/2006 erstmals unterschrieben wird. Wall stellt der Schule seitdem jährlich 18.000 Euro für die Umsetzung des Förderunterrichts zur Verfügung. Das Geld wird für die Bezahlung der eigens eingestellten Projektlehrer, für Materialien und Ausflüge verwendet. Die Schule verpflichtet sich im Gegenzug, regelmäßige Evaluationen zum Erfolg des Projekts durchzuführen. Die Kooperationsvereinbarung sieht darüber hinaus vor, dass Mitarbeiter der Wall AG die Kinder im Unterricht besuchen und die Kinder mindestens einmal jährlich das Unternehmen erkunden.
3. Phase: Das Projekt auf den Weg bringen
Vorbilder schaffen
Für die pädagogische Ausarbeitung des Förderunterrichts wird eine angehende Grundschullehrerin eingestellt. Sie entwickelt Unterrichtsmaterialien, das Auswahlverfahren für die Kinder, und sie übernimmt die Betreuung der ersten Fördergruppen. Diese Aufgabe hat sie mittlerweile an drei neue Projektlehrer übergeben. Eine Projektkoordinatorin stimmt das Vorgehen zwischen den Klassen- und Projektlehrern ab und beobachtet die Entwicklung der Kinder. Der
Förderunterricht wird für jeweils 10 Schüler mit hohem Leistungspotenzial aus den Jahrgangsstufen 3–6 angeboten. Diese 40 Kinder werden zu Beginn des Schuljahres von den jeweiligen Klassenlehrern an die Projektkoordinatorin gemeldet. Weil der Andrang so groß ist, werden im Schuljahr 2008/2009 erstmals zwei weitere, also insgesamt sechs Förderklassen eingerichtet. Eine Förderklasse für jede Jahrgangsstufe und zwei Klassen, in denen jeweils Schüler aus zwei Jahrgangsstufen zusammengefasst sind. So können dieses Jahr erstmals insgesamt 60 Kinder intensiv gefördert werden.
Die Eltern sind Teil des Projekts
Die Eltern werden von Anfang an in das Projekt eingebunden. Bei einem Informationsabend werden ihnen der Zweck des Förderunterrichts und das Vorgehen erklärt. Für das Projekt ist es wichtig, dass sich auch die Eltern verpflichten. Stimmen die Eltern zu, machen die Kinder einen Einstufungstest. Dieser Test erfüllt mehrere Zwecke: Zum einen wird der Leistungsstand der Kinder kontrolliert, zum anderen erhöht er die Verbindlichkeit des Förderunterrichts. Nach dem Test erhalten die Eltern einen Vertrag von der Schule, der den Besuch des Förderunterrichts regelt. Die Eltern sollen sich bewusst dafür entscheiden und wissen, welche Vorteile das Projekt für ihr Kind hat. Wichtiger Bestandteil des Vertrags ist die Verpflichtung, die Kinder regelmäßig zum Förderunterricht zu schicken. Fehlen die Kinder häufiger als zweimal unentschuldigt, verlieren sie ihren Platz in der Gruppe. Das wollen die Kinder unbedingt vermeiden, denn: Ein „rechenfix-Kind“ zu sein ist „cool“.
Zu Beginn eines jeden Schuljahres wird überprüft, ob die Kinder auch im nächsten Jahr in der Fördergruppe bleiben können. Werden Plätze frei – wegen eines Umzugs oder weil Familien die weitere Teilnahme ablehnen –, können neue Kinder aus den jeweiligen Jahrgängen in die Fördergruppe aufgenommen werden. Idealerweise startet ein Kind jedoch mit der Förderung in der dritten Klasse und bleibt vier Jahre konsequent im Projekt. Damit kann ein nachhaltiger Leistungsaufbau sichergestellt werden.
Mathe und mehr
Der Förderunterricht findet in einem Raum statt, der eigens für die Fördergruppe eingerichtet wurde. Für die Kinder ist es eine Auszeichnung, ein rechenfix-Kind zu sein, und sie sind mit Feuereifer dabei. Im regulären Unterricht können sie ihren Klassenkameraden helfen, wenn sie Themen bereits in der Fördergruppe behandelt haben. So lernen sie direkt, ihre Klassenkameraden zu unterstützen und als Vorbild zu agieren. Das Projekt ermöglicht den Kindern auch ein neues Selbstbewusstsein: Sie können anderen etwas beibringen und bekommen Bestätigung für ihr eigenes Wissen. So wird die Einstellung zu ihrer schulischen Karriere und zu Bildung nachhaltig verändert. Neben dem Förderunterricht werden viele Ausflüge unternommen, die Anreize zum Lernen für die Kinder schaffen sollen. Gemeinsame Museumsbesuche, Theateraufführungen oder Rundfahrten durch Berlin stehen auf dem Programm. Für die Kinder sind dies besondere Erlebnisse, da sie mit ihren Eltern selten den eigenen Kiez verlassen.
Schnuppertage in der Wirtschaft
Durch die Kooperation mit der Wall AG haben die Kinder die Möglichkeit, sich auch das Unternehmen genauer anzusehen. Neben regelmäßigen Besuchen in der Firmenzentrale in Berlin bietet die Wall AG Ausflüge in das Produktionswerk in Brandenburg an. Hierauf bereiten sich die Azubis der Wall AG akribisch vor, denn schließlich ist es ihre Aufgabe, den Kindern einen Tag lang zu zeigen, was sie im Unternehmen alles lernen. Die größte Begeisterung löst regelmäßig das Plakatekleben an der Litfaßsäule aus, aber auch andere Tätigkeiten in der Werkstatt sind gefragt. Nach dem gemeinsamen Tag sind zwar sowohl die Azubis als auch die Schüler erschöpft, doch beide Gruppen haben etwas Neues gelernt. Ein weiterer Höhepunkt ist das Gespräch mit Daniel Wall, dem Vorstandsvorsitzenden der Wall AG. Auf die Frage, was sie denn später mal werden wollen, ist die klare Antwort: Chef. Und um dafür gerüstet zu sein, fragen die Schüler Wall „Löcher in den Bauch“.
4. Phase: Den nächsten Schritt gehen
Das Projekt läuft seit 2005 sehr erfolgreich, und die Nachfrage nach den Plätzen übersteigt das Angebot bei Weitem. Kinder und Lehrer sind gleichermaßen von dem Projekt angetan. Die Kinder merken, dass es sinnvoll ist, sich für etwas zu interessieren. Sie befassen sich mit ihrer Zukunft und lernen, welche Möglichkeiten es für sie gibt. Sie erfahren, dass sie ihre Zukunft selbst gestalten können. Die Kooperation mit der Wall AG ermöglicht es der Schule, mehr Aktivitäten anzubieten und Schüler gezielt zu fördern. Zusätzlich zum Förderunterricht hat die Schule 2008 einen Mathematikraum eingerichtet, der von der Wall AG finanziell unterstützt wird. Die Kooperation soll noch viele Jahre erfolgreich weitergeführt werden. „Das Projekt wirkt, und es wird weiter gefördert“, so Daniel Wall bei der Budgetbesprechung für das kommende Jahr. Eine Übertragung des Konzepts auf weitere Schulen ist in Zukunft ebenso denkbar wie die Ausdehnung des Engagements auf weiterführende Schulen.
Wall AG
Branche: Außenwerbung
Kerngeschäft: Stadtmöblierung
Geschäftsführung: Daniel Wall
Mitarbeiterzahl: 720
Umsatz: 152,4 Mio. Euro (2007)
Kontakt
Beate Stoffers
Friedrichstraße 118
10117 Berlin
Telefon: 030/33899-0
E-Mail: stoffers (at) wall (dot) de
Internet: www.wall.de
Weitere Infos: www.jng.cidsnet.de

